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Kaffee-Ecke

Fremdgefahren: 7 Tage CUPRA Tavascan VZ

Kaffee-Ecke

Eigentlich wollte ich gar keinen Elektroauto-Test machen. Der Suzuki meiner Frau musste in die Garage und als Ersatzwagen stand da plötzlich ein CUPRA Tavascan VZ. Elektro, Allrad, 340 PS und etwa 2.3 Tonnen schwer. Meine Frau wollte nicht EV fahren, also habe ich mich heldenhaft geopfert und ihr meinen Subaru überlassen.

Nun besteht mein eigener Fuhrpark eher aus Fahrzeugen, bei denen Benzin irgendwo reingeht, Lärm irgendwo rauskommt und dazwischen meistens noch irgendwo Öl austritt. Mein Subaru von 2012 ist dabei fast schon moderne Raumfahrttechnik. Dazu kommen Fahrzeuge aus Jahren, in denen ein Steuergerät noch ein Mensch mit Schraubenzieher war und Fehlerspeicher durch Nachdenken ausgelesen wurden.

Und jetzt also sieben Tage Elektro-UFO.

Und was soll ich sagen: Der Elektroantrieb ist affengeil.

Vor(ur)teile

Ich war nie grundsätzlich gegen Elektroautos. Unsere beiden Alltagskisten fahren hoffentlich noch ein paar Jahre, also stellte sich die Frage bisher schlicht nicht. Aber wenn irgendwann Ersatz fällig wird, war Elektro für mich schon vorher ein Favorit.

Fahren tut sich das schon verdammt angenehm. Einsteigen, Bremse, Fahrstufe rein und ab. Kein Anlassen, keine Gänge, kein Warten auf Drehzahl. Wenn man Leistung möchte, ist sie da. Sofort. Bei 340 PS auch nicht gerade homöopathisch dosiert. Nicht, dass ich ein Raser wäre, mon dieux, aber zum schnelleren Loswerden von Velofahrern (auf dem 80ger, neben dem Veloweg!!!) ist ein wenig Pfupf unterm Arsch schon nicht schlecht.

Auch an Keyless gewöhnt man sich erschreckend schnell. Zum Auto laufen, es geht auf. Rein, Bremse, los. Am Ziel P, aussteigen, weggehen, Auto geht zu. Der Schlüssel bleibt dabei eine Woche lang als mobiler Briefbeschwerer in der Hosentasche und wird praktisch nie angefasst. Abschaffen würde ich ihn trotzdem nicht. Gerade bei einem Ersatzwagen war ich froh, dass ich ohne App, Benutzerkonto, Handy-Pairing und digitales Ehegelübde einfach losfahren konnte. Aber wenn ich das Ding sowieso nie brauche, könnte CUPRA es wenigstens so klein machen, dass ich nicht dauernd denke, ich hätte noch ein Nokia 3210 im Sack.

Richtig gut ist auch der ACC („Adaptive Cruise Control“ nehme ich an, er hat sich mir nie mit vollem Namen vorgestellt) im Stau. Der Wagen bremst selber bis zum Stillstand und fährt wieder los. Füsse weg, nur noch lenken. Das ist so eine Funktion, bei der man nach drei Tagen denkt: Wieso macht mein anderes Auto das eigentlich nicht? Vorausschauend ist er allerdings ungefähr so stark wie die deutsche Automobilindustrie beim Thema Elektromobilität: Während ich weiter vorne bereits die Bremslichter sehe, beschleunigt der ACC nochmals. Kurz darauf wird die eben investierte Energie wieder zurückrekuperiert. Kreislaufwirtschaft, nehme ich an.

Das Laden war ebenfalls unspektakulärer als erwartet. Von ungefähr 30 auf 100 Prozent kostete mich an der öffentlichen Ladesäule CHF 33.– und brachte rund 365 Kilometer zusätzliche Reichweite. Im Subaru hätten mich dieselben Kilometer bei knapp 8 Litern Verbrauch und aktuell zwei Franken pro Liter rund CHF 58.– gekostet. Und das war noch öffentliches Laden für 60 Rappen pro kWh. Zuhause wäre es nochmals günstiger. Trotz AEW-Knebelvertrag.

Dann gibt es Kleinigkeiten, die ich wirklich mag. Die sehr dezente weisse Fussraumbeleuchtung zum Beispiel. Gerade genug, dass man nachts das Handy oder den heruntergefallenen Schlüssel findet, ohne dass innen gleich Disco ist. Auch DAB+ und ich haben uns wieder versöhnt. Mehrere Tage SRF 3 praktisch ohne Aussetzer, sogar „Sounds!“ konnte ich wieder hören. Schau an. DAB+ kann offenbar doch mehr als Aussetzer in CD-Qualität.

Bis hierhin war das alles verdächtig positiv.

Dann kommt das Auto rund um den Elektroantrieb

Vor dem Fahrer sitzt ein relativ kleines Display, in der Mitte zwischen Fahrer und Beifahrer dafür ein Bildschirm, auf dem man vermutlich ganz Liechtenstein im Massstab 1:2 darstellen könnte.. Die Geschwindigkeit steht natürlich als Zahl auf dem kleinen Display. Im Subaru sehe ich die Tachonadel aus dem Augenwinkel. Beim CUPRA muss ich die Zahl tatsächlich lesen. Ja, First-World-Problem. Aber ausgerechnet die wichtigste Information beim Fahren hätte man durchaus etwas prominenter darstellen können. Head-up-Display? Nicht in diesem Exemplar.

Der absolute Knaller ist aber der Fahrersitz. Der Tavascan kennt Benutzerprofile und die smarte Sitzheizung lernt sogar die Gewohnheiten des Fahrers. Der Fahrersitz selber wird aber von Hand verstellt. Mein Subaru von 2012 kann das elektrisch. Anders gesagt: Der CUPRA kann lernen, wie warm ich meinen Popo gerne hätte. Wo ich meinen Popo gerne hätte, muss ich aber weiterhin am Hebel einstellen. Fortschritt ist nicht immer linear.

Das Lenkrad ist ähnlich schizophren. Es hat echte Schalter, nur sind die gleichzeitig berührungsempfindlich. Man kann also drücken, tippen oder darüberwischen. Damit lassen sich zum Beispiel Lautstärke und Tempomat verstellen. Das hat bei mir einmal wunderbar funktioniert. Später während derselben Fahrt dann bei beiden plötzlich nicht mehr. Dafür habe ich mehrmals beim normalen Halten des Lenkrads mit dem linken Daumenballen versehentlich die Lautstärke erhöht. Praktisch. Manchmal weiss das Auto vor mir, dass ich lauter Musik hören möchte. Ansonsten unpraktisch für einen Gesten-Legastheniker wie mich. Ich wünschte mir, frei nach 2001: A Space Odyssey: Mein Gott, es ist voller Knöpfe!

Und wenn es draussen frisch wird, weiss es auch, dass ich warme Hände möchte. Bei neun Grad Aussentemperatur wurde morgens automatisch die Lenkradheizung eingeschaltet. Danke. Sehr fürsorglich. Keine Ahnung, was bei minus zehn Grad passiert. Vermutlich wird man beim Einsteigen medium gebraten. Da erhält der Begriff „Wurstfinger“ gleich eine ganz andere Bedeutung…

Die Verkehrszeichenerkennung hat ebenfalls Unterhaltungswert. Eine 30er-Tafel in einer Seitenstrasse? Zack, wir fahren jetzt offenbar auch 30. Dafür kann man das Auto mitten in einer 30er-Zone abstellen, später wieder losfahren und plötzlich meint es, hier sei 50. Es kann Schilder lesen. Es weiss nur nicht immer, für wen sie gedacht sind. Das ist ungefähr so, als könnte ich Chinesisch lesen, hätte aber keine Ahnung, was die Wörter bedeuten. [Hier Tattoowitze einfügen]

Auch das eingebaute Navi wollte sich auf meiner allerletzten Fahrt noch verewigen. Es wollte mich über eine kleine Nebenstrasse lotsen, die etwa 100 Meter vor einem Kreisel von der Hauptstrasse abzweigt und ein paar hundert Meter danach wieder auf dieselbe Hauptstrasse führt. Ein Shortcut für vielleicht ein paar Sekunden. Ich kannte die Strecke und blieb auf der Hauptstrasse.
Neuberechnung: Bitte rechts abbiegen. In eine Sackgasse. Das Beste daran: Die neu berechnete Route hörte dort tatsächlich einfach auf. Kein Wenden, keine Weiterfahrt, nichts. Grillenzirpen. Rebellisch wie ich bin, fuhr ich weiter geradeaus.
Inzwischen war ich am Kreisel angekommen und damit sowieso bereits auf der schnelleren Route. Dritte Ausfahrt und weiter. Fertig. Navi: Wenden! Offenbar sollten wir den verpassten Shortcut jetzt doch noch nachholen.
Aber auch das Wenden hatte es speziell gelöst: nicht etwa einmal normal um den Kreisel herum, sondern kurz vorher links auf die Gegenfahrbahn und von dort korrekt herum in den Kreisel. Spart schliesslich ein paar Meter. „Gegenverkehr“ scheint auch hier ein nicht vorhandenes Premium-Feature zu sein.
Ich dachte, das Game «eingebaute Navis sind Scheisse» ist im Jahr 2026 durchgespielt? Nein.

Weniger lustig fand ich den Notbremsassistenten. Zweimal legte der Tavascan während meiner Woche eine Vollbremsung hin, obwohl die vermeintliche Gefahr längst vorbei war. Einmal war das Auto vor mir bereits abgebogen, ein anderes Mal hatte ein Velofahrer den Zebrastreifen längst überquert (nicht mal abgestiegen ist er, der Sack) und war schon auf der anderen Strassenseite. Der CUPRA sah das anders und bremste vorsorglich voll ab. Dazu kam noch ein STOP!-Alarm in völlig entspanntem Verkehr mit eingeschaltetem ACC, weil der Vordermann bremste. Zwei unnötige Notbremsungen in einer Woche. Damit liegt der Tavascan ungefähr auf dem Niveau eines Extrazugs mit ZSC-Fans.

Unheimliche Begegnung der dritten Art

Mehrfach gab es kurz nach dem Losfahren noch eine Lichtshow. Frühmorgens im Dunkeln losfahren und nach ein paar Metern fährt der Tavascan vorne einmal alles hoch, was zwischen Positionslicht und Flakscheinwerfer zur Verfügung steht, bis zum Schluss die Nacht kapituliert. Warum? Keine Ahnung.

Einmal kam mir genau in diesem Moment ein Linienbus entgegen. Und während der Tavascan fröhlich seine Lichtorgel durchzog, hatte ich sofort die UFO-Szene aus Close Encounters of the Third Kind im Kopf. Ich wartete eigentlich nur noch darauf, dass der Bus zurückorgelt und wir anschliessend gemeinsam einen reinorgeln die fünf Töne wie im Film hupen.

Sehr schön ist auch das Radio. Beim Rückwärtsfahren wird es automatisch leiser. Macht grundsätzlich Sinn, ausser es laufen gerade Nachrichten. „Der Bundesrat hat heute beschlossen, dass ab nächstem Jahr…“ –> Rückwärtsgang –> und Mario wird vor dieser Information geschützt. Sobald man aber parkiert hat, den Gurt löst und die Fahrertür öffnet, läuft die Musik munter weiter. Beim Rückwärtsfahren Ruhe, Mario muss sich konzentrieren. Beim Aussteigen: HALLO NACHBARSCHAFT, ES IST MITTERNACHT, HIER IST SRF 3 AUF VOLUME-LEVEL WACKEN.

Das Soundsystem selber ist bei normaler Lautstärke okay. Lauter wird es dann schnell etwas joghurtbecherig. Ein 100-Franken-Bluetooth-Brüllwürfel kann das besser. Mein Subaru auch (ja, mit der Originalanlage!)

Dafür gibt es ja noch den CUPRA-Modus. Den aktiviert man nämlich und dann … wird das GasStrompedal deutlich giftiger. Anscheinend wird auch das Fahrwerk sportlicher abgestimmt. Ganz ehrlich: Zwischen Comfort, Range und CUPRA habe ich während dieser Woche ausser der direkteren Gasannahme (Stromannahme? Mein Gott ist das verwirrend) keinen nennenswerten Unterschied bemerkt.

Aber zurück zum CUPRA-Mode-Button, der hat einen separaten Knopf auf dem Lenkrad. Ergo muss der wichtig sein. Also drücken uuund? Optisch erscheint ein kleines CUPRA-Logo im Display…
Das Auto hat eigentlich alles an Bord, um beim Umschalten kurz einen auf Todesstern zu machen. Genau hier hätte CUPRA einmal hemmungslos übertreiben dürfen: Innenraum rot, Game Boy auf Super-Pursuit-Mode, Leistungsanzeigen bis zum Abwinken und beim Umschalten ein Hochfahrgeräusch, als würden im Kofferraum gerade zwei Turbinen starten. Stattdessen: CUPRA-Logo im Game Boy. Das wars. Danke für Ihre Aufmerksamkeit. Es gibt hier nichts zu sehen, bitte gehen fahren Sie weiter.

Der Privatinsolvenzbalken

Und dann wäre da noch mein grundsätzliches Problem mit modernen Autos: die Reparierbarkeit.

Nicht speziell mit Elektroautos. Eher im Gegenteil. Ein Elektromotor selber ist ja fast schon erfreulich übersichtlich. Aber rundherum gibt es LED-Lichter, Kameras, Radare, Displays, Sensoren, Steuergeräte und beleuchtete Plastikteile, möglichst alles hübsch integriert und vermutlich nur als komplette Einheit erhältlich.

Eine Stossstange ist heute keine Stossstange mehr. Das ist ein Privatinsolvenzbalken mit Parksensoren, Radar und eingebautem Selbstbehalt. Ein kleiner Parkrempler kann da schnell zum Finanzierungsereignis werden. Ein quer eingebautes Klumpenrisiko! Rüdiger! KEINE KAPRIOLEN!

Ich fahre Autos gerne lange. Sehr lange. Mein Subaru ist von 2012 und noch längst nicht fertig. Andere Fahrzeuge bei mir stammen aus einer Zeit, als Knautschzonen noch hauptsächlich aus dem anderen Auto bestanden. Deshalb interessiert mich nicht nur, wie toll ein Auto in den ersten vier Leasingjahren funktioniert. Mich interessiert, was passiert, wenn es zwölf, zwanzig oder dreissig Jahre alt ist und irgendein Steuergerät links hinten beschliesst, dass es jetzt genug gesehen hat.

Und genau da liegt die Ironie: Es ist ironischerweise der ganze Rest des modernen Autos, der mir Sorgen macht. Nicht der Elektroantrieb.

Fazit

Nach ziemlich genau sieben Tagen ging der Tavascan wieder zurück und ich bekam meinen Subaru wieder. Der Antrieb hat mich überrascht, das Gesamtpaket nicht überzeugt. Aber ich bin auch nicht schreiend davongerannt. Fahren? Gerne. Kaufen? So noch nicht.

Der Elektroantrieb? Sofort wieder. Keyless? Ja. ACC im Stau? Unbedingt. Laden? War überhaupt kein Drama. Die Ruhe, die direkte Leistung und dieses völlig unspektakuläre Einsteigen-und-losfahren haben schon was.

Der Rest ist schwieriger. Ich möchte Technik, die mir Arbeit abnimmt, nicht welche, die mir neue Arbeit erfindet. Ein System, das zuverlässig bremst, ist super. Eines, dessen Anzeige ich sicherheitshalber selber kontrollieren muss, eher weniger. Und wenn ein echter Schalter plötzlich zusätzlich Touchfläche sein muss, ist die Innovation hauptsächlich, dass ich jetzt zwei Möglichkeiten habe, ihn falsch zu bedienen.

Mein ideales modernes Auto wäre deshalb vermutlich eine etwas seltsame Mischung: Elektroantrieb und Komforttechnik 2026, Bedienung 2012 und Reparierbarkeit 1973.

Meine Frau wollte jedenfalls nicht Elektro fahren, also habe ich mich heroisch geopfert. Nach einer Woche Tavascan muss ich leider feststellen: Wenn wieder einmal so ein Ersatzwagen vor der Tür steht, würde ich mich vermutlich erneut opfern.

Dieses Schicksal würde ich wohl auch ein zweites Mal ertragen.

Kommentare

2 Wortmeldungen
  • DB
    Der Besserwisser 23. September 2026 · 21:17

    ACC (Adaptive Cruise Control)
    *Duckundweg*

    Antworten
    • M
      Mario Autor 23. September 2026 · 21:46

      Danke! Ist korrigiert.

      Antworten

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